„Die Bildungsstudie der OECD überrascht nicht sonderlich. Schon nach den PISA-Studien war es offensichtlich, Deutschland hinkt in Sachen Bildung den anderen Industrienationen hinterher. Ein Bildungsetat, der unter dem OECD-Durchschnitt liegt, spricht eine deutliche Sprache“, resümiert der stellvertretende JUSO-Vorsitzende und Ranstädter Gemeindevertreter Johannes Giar zu den Veröffentlichungen der OECD.
Als Schüler und Student machte ich persönlich meine eigenen Erfahrungen, wie es besonders in unserem Bundesland bestellt ist. Überfüllte Klassenräume und veraltetes Lehrmaterial sind bis heute ein dringendes Problem geblieben. Mit dem Wechsel auf die Hochschule in Gießen wurden mir auch dort die Folgen einer verfehlten Bildungspolitik bewusst. „Die mangelhaft umgesetzten Maßnahmen des Bologna-Prozesses wirken sich störend auf den Studienverlauf aus. Ein übervoller Lehrplan und wenig Raum für eigene Studienschwerpunkte sind eine Bedrohung für eine angemessene akademische Bildung und eine akademische Freiheit“, so Giar weiter. Beispielsweise ist das Ablegen des Latinums für das Studium der Geschichte in nur zwei Semestern kaum zu schaffen. Viele Studienanfänger mussten deswegen ihr Studium abbrechen. Ähnlich in den Naturwissenschaften. Prüfungen, die Auswirkungen auf das restliche Studium haben, zwei Wochen nach Studienbeginn sind meiner Meinung nach übertrieben. Dazu kommt die starke Konzentration des Landes Hessen auf die Elitenförderung. Zwar sind naturwissenschaftliche Fächer entscheidend für die Ausbildung von Fachkräften in der Industrie, doch darf die Förderung der Naturwissenschaften nicht zu Lasten der Geisteswissenschaften geschehen. „Gesichte, Politik- und Sozialwissenschaften entfalten ebenso einen wichtigen Nutzen für die Gesellschaft“, so der stellvertretende JUSO-Vorsitzende.
Ein Ergebnis der OECD-Studie sollte aber besonders beachtet werden. Ausgebildete Menschen finden leichter eine Beschäftigung, haben ein höheres Einkommen, sind glücklicher und zeigen mehr politisches Engagement. Dagegen sind die Perspektiven bei Menschen ohne entsprechende Bildung weitaus schlechter. Nicht zu Unrecht besteht hier eine Gefahr für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Antwort der Politik muss es deshalb sein, von der Grundschule an bei der Bildung der Bürger nicht zu sparen. Bildung darf kein Privileg der Wohlhabenden oder bestimmter Sozialstrukturen sein. Eine angemessene Bildung ist ein Grundrecht.
Ebenso dürfen strukturschwache Regionen nicht von einer Ausdünnung des Bildungssektors betroffen sein. Ohne entsprechende Fachkräfte werden im Endeffekt auch Gewerbe und Industrie sich aus diesen Gebieten zurückziehen. Die Folgen wären Perspektivlosigkeit, gepaart mit Armut und Arbeitslosigkeit. Zusammen ergibt dies einen gefährliche Mix.
Ein weiterer Schritt muss die Umwandlung des dreigliedrigen Schulsystems in ein Eingliedriges sein. Stärken und Talente der Schüler müssen rechtzeitig erkannt und gefördert werden, um sie gezielt auf eine Ausbildung oder ein Studium vorzubereiten. In den Universitäten bietet sich eine Ausweitung des Bachelors von sechs auf acht Semester an.
„Bildung darf nicht länger nur ein Randposten in den Haushalten von Ländern und Bund sein. Ohne Perspektiven in Bildung und Ausbildung werden sich Probleme wie der Fachkräftemangel weiter verschärfen und den Rückstand auf die anderen Industrienationen weiter erhöhen“, so der Appell von Giar.